Wer erzählt die Geschichte, bevor sie wahr ist.
- Guenter Joachim Disch
- 20. März
- 2 Min. Lesezeit

Noch gibt es keine belastbaren Belege dafür, dass linke Gruppen für den Anschlag auf das Berliner Stromnetz verantwortlich sind. Das ist keine Schutzbehauptung, sondern der aktuelle Stand der Faktenlage. Die in Teilen der Berichterstattung bemühte „Vulkangruppe“ war seit Jahren nicht mehr aktiv und hat sich öffentlich von dem Anschlag distanziert. Allein dieser Umstand müsste journalistische Zurückhaltung erzwingen.
Stattdessen erleben wir das Gegenteil: eine früh einsetzende politische Zuschreibung, die weniger auf Beweisen als auf ideologischer Erwartung beruht. Parallel dazu bleibt ein anderer, durchaus relevanter Vorgang nahezu unbeachtet: Ein AfD-Politiker hat gezielt Informationen zu Berliner Stromnetzen und kritischer Infrastruktur abgefragt. Das ist kein Randdetail, sondern sicherheitspolitisch hochsensibel. Doch während hier reale Fragen nach Motivation, Kontext und Verantwortung gestellt werden müssten, herrscht auffällige mediale Stille.
Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines medialen Verschiebungsprozesses. Plattformen wie NIUS füllen das Vakuum nicht mit Recherche, sondern mit Deutung. Wenn dort von einer „bahnbrechenden Recherche“ die Rede ist, geht es nicht um neue Fakten, sondern um narrative Anschlussfähigkeit. Die Behauptung, die „Ideologie hinter dem Anschlag“ werde indirekt mit Steuergeldern gefördert, ist ein klassisches Framing: maximaler Vorwurf bei minimaler Beleglage.
Julian Reichelts „klare Worte“ ersetzen dabei das, was eigentlich Aufgabe von Journalismus wäre: Einordnung, Abwägung, Skepsis gegenüber der eigenen These. Die Logik ist bekannt: Erst wird ein Täterbild konstruiert, dann werden politische Gegner moralisch haftbar gemacht, schließlich wird staatliche Förderung, Zivilgesellschaft oder linke Projekte insgesamt delegitimiert. Der tatsächliche Ermittlungsstand spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Problematisch ist nicht nur, dass solche Narrative verbreitet werden, sondern wo sie wirken. Auf X, Telegram und in einschlägigen Medienmilieus entstehen binnen Stunden vermeintliche Gewissheiten, die sich später kaum noch korrigieren lassen. Klassische Medien greifen diese Setzungen oft nicht auf – aber sie widersprechen ihnen auch nicht deutlich genug. Schweigen wirkt hier nicht neutral, sondern stabilisierend.
So verschiebt sich der Diskurs: Weg von der Frage, wer tatsächlich verantwortlich ist, hin zur Frage, welches politische Lager maximalen Schaden nehmen soll. Das ist kein Unfall, sondern Strategie. Und sie funktioniert nur, weil Fakten, Differenzierung und journalistische Sorgfalt im Zweifel langsamer sind als Empörung.



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