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Für etwas kämpfen statt gegen alles

Aktualisiert: 7. Juni


Wer sich öffentlich gegen Rechtspopulismus positioniert, lernt schnell eine besondere Form politischer Kommunikation kennen.


Man wird als linksgrün, als Systemling, als Gutmensch oder als Teil einer angeblich korrupten Elite bezeichnet. Manchmal sachlich, oft nicht.


Deshalb war ich zunächst überrascht, als mir ein AfD-Wähler eine Frage stellte, die weder als Beleidigung noch als Unterstellung gemeint war.


Seine Frage lautete:


„Warum ist so einer wie du bei den Grünen?“


Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, dass die Antwort darauf eigentlich der rote Faden vieler Texte ist, die ich in den vergangenen Jahren geschrieben habe.


Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich selten über Parteipolitik schreibe. Ich schreibe über Demokratie, über gesellschaftlichen Zusammenhalt, über die Gefahren von Populismus, über Kultur, Bildung und die Frage, wie wir in einer immer stärker polarisierten Gesellschaft miteinander umgehen.

Einfach eine ehrliche Frage:


Aber natürlich geht es dabei auch immer wieder um sehr konkrete Fragen: um gerechte Steuern, um eine Rente, von der Menschen leben können, um funktionierende Schulen, eine verlässliche Infrastruktur und einen Staat, der seine Aufgaben erfüllt.

Das sind keine typisch grünen Themen. Das sind Fragen, die jede Demokratin und jeden Demokraten beschäftigen sollten.


Vielleicht würden mich deshalb viele Leserinnen und Leser meiner Texte nicht automatisch den Grünen zuordnen. Umso häufiger werde ich gefragt:

Warum bist du eigentlich bei den Grünen?


Meine Familie war politisch alles andere als grün geprägt. Mein Vater war lange SPD-Wähler. Meine Mutter war überzeugte CDU-Wählerin. Wahrscheinlich spielte dabei weniger das Parteiprogramm als das „C“ im Namen eine Rolle. Sie war eine tiefgläubige Christin und sah darin eine politische Heimat.


Mit 18 habe ich wie mein Vater die SPD gewählt. Mit zunehmendem Alter wechselte mein Vater zur CDU. Warum, habe ich ehrlich gesagt nie wirklich verstanden.


Ich selbst habe irgendwann begonnen, vieles zu hinterfragen. Nicht, weil ich plötzlich links geworden wäre. Sondern weil ich zunehmend das Gefühl hatte, dass die großen Volksparteien oft mehr verwalten als gestalten. Dass sie den Status quo organisieren, statt eine Vorstellung davon zu entwickeln, wo dieses Land in zehn oder zwanzig Jahren stehen soll.


Danach war ich viele Jahre eher politikverdrossen als politisch aktiv.


Ich war mit anderen Dingen beschäftigt. Mit Kunst. Mit Theater. Mit meinem Studium zum Schauspieler und Regisseur. Ich habe unzählige Stücke gelesen, Rollen gespielt und inszeniert. Und auch wenn viele Menschen Theater für Unterhaltung halten, ist es immer auch ein politischer Ort. Theater beschäftigt sich mit Macht, Moral, Verantwortung, Freiheit, Ausgrenzung und Menschlichkeit. Es stellt Fragen an die Gesellschaft.


Vermutlich hat mich diese Zeit mehr geprägt, als mir damals bewusst war.


Politik spielte in meinem Alltag dennoch lange keine große Rolle.


Bis sich etwas veränderte.


Ich beobachtete, wie der Ton in unserer Gesellschaft rauer wurde. Wie Menschen gegeneinander ausgespielt wurden. Wie aus politischen Gegnern Feinde wurden. Wie soziale Medien immer stärker von Empörung, Angst und Wut geprägt wurden.


Und irgendwann kam der Punkt, an dem ich dachte:


Du kannst nicht mehr nur zuschauen.


Also begann ich, mich wieder intensiver mit Politik zu beschäftigen. Ich habe mir die Parteien angesehen. Dabei stellte ich mir nicht die Frage, wer in jedem einzelnen Punkt meine Meinung vertritt.


Das tut keine Partei.


Meine Frage war eine andere:


Welche Partei hat eigentlich eine Vorstellung davon, wie dieses Land besser werden kann?

Für mich waren das die Grünen.


Nicht weil sie perfekt wären.


Nicht weil mich nicht auch manches ärgert.


Sondern weil ich dort am ehesten den Versuch erkenne, Politik nicht aus Angst vor der Zukunft zu machen, sondern mit einer Idee von Zukunft.


Vor kurzem bin ich auf eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin aufmerksam geworden, die mich nicht mehr losgelassen hat.


Über mehrere Jahre wurden dieselben Menschen begleitet und untersucht. Dabei zeigte sich etwas Bemerkenswertes: Menschen, die beginnen, AfD zu wählen, werden im Durchschnitt unzufriedener. Nicht deshalb, weil ihr Leben objektiv schlechter wird, sondern weil eine politische Kommunikation, die ständig vermittelt, alles werde schlimmer, überall lauerten Feinde und das Land stehe kurz vor dem Untergang, das eigene Wohlbefinden beeinflusst.


Wer permanent hört, dass alles kaputt ist, beginnt irgendwann, die Welt auch so wahrzunehmen.


Und umgekehrt deutet die Untersuchung darauf hin, dass sich das Wohlbefinden vieler Menschen wieder verbessert, wenn sie diese politische Orientierung verlassen.


Als ich das las, musste ich an viele Diskussionen denken, die ich auf sozialen Netzwerken führe.


Dort begegne ich Menschen, die kaum noch etwas Positives erkennen können. Nicht, weil es keine Probleme gäbe – die gibt es. Sondern weil jedes Ereignis sofort in dieselbe Erzählung eingeordnet wird.


Die CDU zerstört Deutschland.


Die SPD zerstört Deutschland.


Die Grünen zerstören Deutschland.


Die Europäische Union zerstört Deutschland.


Die öffentlich-rechtlichen Medien belügen Deutschland.


Die Wissenschaft ist gekauft.


Die Gerichte sind politisiert.


Und wer widerspricht, gehört angeblich zum System.


Es ist ein Weltbild, in dem ständig jemand schuld ist und in dem fast jede Entwicklung als Beweis für den bevorstehenden Untergang dient.


Je länger ich diese Debatten verfolge, desto mehr frage ich mich, was ein solches Weltbild mit den Menschen macht.


Denn wenn man jeden Tag liest, dass das eigene Land vor dem Abgrund steht, die Demokratie versagt, die Medien lügen und niemand mehr vertrauenswürdig ist, dann bleibt irgendwann kaum noch Raum für Zuversicht.


Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Erklärung, warum politische Empörung kurzfristig mobilisiert, langfristig aber oft unglücklicher macht.


Versteht mich nicht falsch:


Kritik ist notwendig.


Demokratie lebt von Kritik.


Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Wunsch, Probleme zu lösen, und dem Wunsch, ständig neue Gründe für Empörung zu finden.


Genau deshalb bin ich bei den Grünen.


Weil ich Politik nicht als Suche nach Schuldigen verstehe.


Weil ich nicht glaube, dass die Vergangenheit die Antwort auf die Zukunft ist.


Weil ich überzeugt bin, dass Fortschritt möglich ist.


Weil ich lieber über Lösungen diskutiere als über Feindbilder.


Und weil ich glaube, dass ein Land nur dann erfolgreich sein kann, wenn es Hoffnung ausstrahlt statt Angst.


Natürlich mahlen Parteimühlen langsam.


Natürlich nerven mich manchmal Kompromisse.


Natürlich wünsche auch ich mir oft mehr Tempo.


Aber Demokratie ist kein Sprint. Demokratie ist harte Arbeit.


Ich suche keine politischen Ämter. Ich suche auch keine politische Karriere.


Ich suche Menschen, die dieses Land gestalten wollen.


Menschen, die nicht nur sagen, wogegen sie sind, sondern auch, wofür.


Diese Menschen finde ich überall. Bei Grünen, bei Sozialdemokraten, bei Liberalen, sogar unter manchen konservativen Wählern.


Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht, ob man mit allem einverstanden ist, was eine Partei tut.


Die entscheidende Frage lautet:


Wählst du eine Politik, die dir ständig neue Feinde präsentiert?


Oder wählst du eine Politik, die versucht, dir eine Zukunft anzubieten?


Ich habe mich entschieden.


Nicht weil die Grünen perfekt sind.


Nicht weil ich glaube, dass sie auf jede Frage die richtige Antwort haben.


Sondern weil ich dort eher den Versuch erkenne, Zukunft zu gestalten, statt Vergangenheit zu verklären.


Weil ich an eine offene Gesellschaft glaube.


An Demokratie.


An Vielfalt.


An Europa.


An die Kraft von Bildung, Kultur und Menschlichkeit.


Und weil ich lieber für etwas kämpfe als gegen alles.

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