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„Protestwähler“ klingt harmlos. Fast unschuldig.


Ein bisschen Frust, ein bisschen Wut, ein Denkzettel für „die da oben“. Doch genau diese Verharmlosung ist längst Teil des Problems.


Wer heute AfD wählt, kann nicht mehr behaupten, er wisse nicht, wen oder was er da unterstützt.


Nicht nach den Deportationsfantasien.

Nicht nach den Relativierungen des Nationalsozialismus.

Nicht nach den menschenverachtenden Aussagen gegen Migranten, Homosexuelle oder politische Gegner.

Nicht nach den rechtsextremen Netzwerken.

Nicht nach den Verfassungsschutz-Einstufungen.

Nicht nach all den dokumentierten Zitaten, die man nicht einmal mehr verstecken kann.



Veröffentlichungen von Erik Ahrens (AfD)

Er bewegte sich im Umfeld der Identitären Bewegung und der Jungen Alternative und arbeitete zeitweise im erweiterten Umfeld von AfD-Kampagnen und Social-Media-Strategien.


Seine Veröffentlichungen sind dokumentiert und gingen weit über bloße Provokation hinaus.


Es ging dabei nicht nur allgemein um „Geburtenförderung“, sondern um eine explizit völkisch-biologistische Vorstellung von Bevölkerungspolitik. In veröffentlichten Beiträgen auf X schrieb er sinngemäß, junge biodeutsche Frauen könnten „gemustert“ und zur Abgabe von Eizellen verpflichtet werden, um die Demografie zu stabilisieren.


Der Begriff „biodeutsch“ taucht in diesem Milieu häufig auf und meint eine ethnisch definierte Vorstellung von „deutscher Abstammung“. Kritiker sehen darin zurecht deutliche Anklänge an eugenische und völkische Ideologien.


Besonders bemerkenswert war dabei nicht nur der Inhalt, sondern die dahinterliegende Denkweise: Der Körper des Einzelnen werde letztlich dem Staat untergeordnet. Genau diese Vorstellung — dass Menschen primär „dem Volk“ oder einer ethnischen Gemeinschaft dienen müssten — ist ein Kern autoritärer und faschistischer Ideologien.


Und genau hier liegt für viele der Punkt, an dem die „Protestwahl“-Erzählung brüchig wird. Denn solche Aussagen sind keine zufälligen Ausrutscher mehr. Sie entstehen aus einem politischen Umfeld, in dem:

  • ethnische Zugehörigkeit über Staatsbürgerlichkeit gestellt wird,

  • „Volk“ biologisch definiert wird,

  • Frauen primär als Gebärende gedacht werden,

  • und Demokratie zunehmend als Hindernis statt als Grundlage betrachtet wird.


Irgendwann endet die Ausrede vom „Protest“.


Denn Protest gegen hohe Mieten oder schlechte Politik erklärt nicht, warum man eine Partei wählt, in der Funktionäre von „Volksverrätern“, „Entsorgung“, Bürgerkrieg oder „Schusswaffengebrauch“ sprechen. Protest erklärt auch nicht, warum man immer wieder über dieselben Entgleisungen hinwegschaut — oder sie sogar beklatscht.


Ja, es gibt überzeugte Rechtsextreme in diesem Land. Vielleicht sind es 10 oder 15 Prozent. Menschen, die genau das wollen: Ausgrenzung, autoritäres Denken, ethnischen Nationalismus. Aber die größere Gefahr entsteht dort, wo Millionen andere anfangen, all das als „nicht so gemeint“, „überzogen“ oder „halt Protest“ wegzuerklären.


Demokratie stirbt nicht erst dann, wenn Faschisten marschieren. Sie stirbt schon dann, wenn eine Gesellschaft beginnt, den Faschismus zu relativieren, solange er nur modern genug auftritt und den eigenen Frust bedient.


Und genau deshalb ist die ständige Beschwichtigung so gefährlich. Wer AfD-Wähler pauschal zu missverstandenen Protestbürgern erklärt, nimmt ihnen jede Verantwortung für ihre Wahlentscheidung ab. Man tut so, als sei das alles nur ein emotionaler Hilferuf — obwohl längst offen sichtbar ist, welche Kräfte dort wirken.


Nein. Demokratie verlangt Verantwortung.


Jeder Mensch darf protestieren. Gegen Regierungen, Parteien, Migration, soziale Ungleichheit oder wirtschaftliche Fehlentwicklungen. Das ist demokratisch. Aber wer aus Protest bewusst eine Partei stärkt, die demokratische Institutionen verächtlich macht, Minderheiten entmenschlicht und autoritäre Narrative verbreitet, trägt Verantwortung für die Folgen.


Man muss diese Menschen nicht pauschal hassen. Aber man muss endlich aufhören, sie ständig in Schutz zu nehmen.


Denn wer immer nur beschwichtigt, trägt dazu bei, dass die Grenze des Sagbaren weiter nach rechts verschoben wird — bis irgendwann das Undenkbare plötzlich normal erscheint.


***


Niemand muss eine bestimmte Partei wählen.


Es gibt andere Möglichkeiten zu protestieren. Andere Parteien. Nichtwählen. Auf die Straße gehen. Einen Brief schreiben. Laut sein.


Aber wer sich für diese Partei entschieden hat – nach allem, was bekannt ist – der sollte aufhören, so zu tun, als hätte er keine Wahl gehabt.


Die hatte er.


Widerspruch? Gerne. Aber bitte mit echten Argumenten – nicht mit „das stimmt doch alles nicht".

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