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Du könntest meinen, Wut wäre das Erste, was kommt. Aber es ist etwas anderes.


Ich starre auf die Zahlen: 20 % für die AfD in Rheinland-Pfalz.

Und ich merke, wie sich etwas in mir zusammenzieht.

Keine Explosion. Kein Aufschrei.

Eher eine stille, schwere Fassungslosigkeit.

So eine Müdigkeit, die man nicht abschütteln kann.

Ich schaue in die USA.

Ich erinnere mich daran, was dort passiert ist, als Menschen wie Trump an die Macht kamen.

Wie schnell sich Sprache verändert hat.

Wie aus Lügen „alternative Fakten“ wurden.

Wie Drohungen gegen Gerichte plötzlich Teil des politischen Alltags waren.

Wie Menschen entmenschlicht wurden – Migranten, Andersdenkende, ganze Nationen.

Und dann diese Bilder.

Zerbombte Orte.

Menschen, die sterben.

Tote, die irgendwann niemand mehr zählt.

Und jedes Mal die gleiche Frage:

Wie konnte das so schnell normal werden?

Und dann schaue ich wieder hierher.

Und sehe, dass sehr viele Menschen genau das Gleiche wählen.

Nicht im Detail vielleicht. Aber im Kern.

Die gleichen Feindbilder.

Die gleichen einfachen Antworten.

Die gleichen Versprechen von „endlich wieder Ordnung“.

Und immer auch: Ausgrenzung.

Ich verstehe es nicht.

Wirklich nicht.

Ich würde so gern glauben, dass es nur Wut ist.

Dass Menschen enttäuscht sind, sich abgehängt fühlen, dass sie nicht sehen, wohin das führen kann.

Dass sie einfach ein Zeichen setzen wollen.

Aber gleichzeitig habe ich Angst, dass genau das die Geschichte ist, die wir uns immer erzählen, bevor es kippt.

„Die meinen das doch nicht so.“

„Das ist nur Wahlkampf.“

„Bei uns wird das anders.“

Vielleicht stimmt das.

Vielleicht auch nicht.

Und genau das ist es, was mich nicht loslässt.

Denn wenn ich den Gedanken zu Ende denke – wirklich zu Ende –

dann geht es irgendwann nicht mehr um Wahlergebnisse.

Dann geht es um Konsequenzen.

Um Entscheidungen, die aus Worten entstehen.

Um Politik, die aus Stimmungen gemacht wird.

Um eine Gesellschaft, die sich langsam daran gewöhnt, dass Grenzen verschoben werden.

Und irgendwann steht man da und merkt, dass Dinge passiert sind, die man sich früher nicht einmal vorstellen wollte.

Vertreibungen.

Lager.

Gewalt.

Menschen, die verschwinden – erst aus der Sprache, dann aus dem Leben.

Und ich weiß, das klingt groß.

Zu groß vielleicht.

Wie eine Übertreibung.

Aber genau das ist ja das Muster:

Am Anfang wirkt alles übertrieben.

Bis es das nicht mehr ist.

Ich weiß nicht, wie man das aufhält.

Ich weiß nicht, wie man Menschen erreicht, die sich längst entschieden haben.

Ich weiß nur, dass Schweigen sich falsch anfühlt.

Dass Wegschauen sich falsch anfühlt.

Und dass ich heute nicht wütend bin.

Sondern traurig.

Und müde.

Und beunruhigt von dem Gedanken, dass wir vielleicht gerade anfangen, uns an etwas zu gewöhnen, an das wir uns niemals gewöhnen dürften.

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