Die Fossile: Wie Katherina Reiche das Wirtschaftsministerium umbaut – und für wen
- Guenter Joachim Disch
- 9. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

Berlin, April 2026
Wer Katharina Reiche als inkompetent bezeichnet, macht es sich zu einfach. Inkompetenz wäre verzeihlich. Sie wäre zufällig, unbeabsichtigt, behebbar. Was sich im Bundeswirtschaftsministerium seit Mai 2025 abspielt, hat jedoch einen Plan. Und wer den verstehen will, muss nicht nach Fehlern suchen – sondern nach Profiteuren.
Die Drehtür dreht sich
Katherina Reiche bringt einen ungewöhnlichen Lebenslauf ins Ministeramt mit. Von 1998 bis 2015 saß sie für die CDU im Bundestag, dann wechselte sie als Hauptgeschäftsführerin zum Verband kommunaler Unternehmen (VKU) – einem Lobbyverband, dessen Mitglieder tief im Gasgeschäft stecken und der nachweislich an der Verwässerung des Gebäudeenergiegesetzes beteiligt war. 2020 übernahm sie den Vorstandsvorsitz der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter und einem der größten Gasnetzbetreiber Deutschlands. Ohne Karenzzeit – also ohne jede Schamfrist – sitzt sie heute im Ministeramt.
LobbyControl warnte bereits bei ihrer Ernennung: „Mit Frau Reiche wird eine Energieunternehmerin zur Energieministerin gemacht. Es ist höchst fraglich, ob Reiche die nötige kritische Distanz und Unabhängigkeit zur Energiewirtschaft einhalten kann.”
Die Frage hat sich inzwischen beantwortet – nur anders als man hoffte.
Ein Gutachten wird zurechtgebogen
Im August 2025 legte das Energiewirtschaftliche Institut der Universität Köln (EWI) seinen Monitoringbericht zur Energiewende vor. Titel: „Energiewende. Effizient. Machen.” Das Institut stellte darin fest, dass ein hohes Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren notwendig bleibe, um Klimaziele zu erreichen. Der massiven Ausweitung neuer Gaskraftwerke gaben die Gutachter die Einschätzung: „unwahrscheinlich”.
Dann griff das Wirtschaftsministerium ein.
Greenpeace erlangte beide Fassungen des Berichts – die Originalversion vom 29. August und die später veröffentlichte Fassung – nach dem Umweltinformationsgesetz und erst nach Androhung einer Untätigkeitsklage. Der Vergleich ist ernüchternd: Mindestens 28 gezielte inhaltliche Änderungen wurden vorgenommen. Das Wort „unwahrscheinlich” für neue Gaskraftwerke wurde zu „fraglich” – harmlos klingend, energiepolitisch aber ein Freifahrtschein für fossile Investitionen. Der Hinweis, dass das Ziel von 80 Prozent erneuerbarem Strom bis 2030 verfehlt werden könnte, verschwand. Die Aussage, dass mehr installierte Kapazität notwendig sein könnte, fiel heraus.
Das Wirtschaftsministerium bestreitet jede Einflussnahme. Der Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid widerspricht: Was Reiche als nüchterne Analyse verkaufe, sei in Wahrheit politische Meinung mit einem zweifelhaften wissenschaftlichen Qualitätssiegel. Kurz nach Veröffentlichung des frisierten Berichts präsentierte Reiche ihren Zehn-Punkte-Plan. Im September deckten TABLE BRIEFINGS dann auf: Der Plan weist „auffällige Ähnlichkeiten” zu einem gemeinsamen Positionspapier von RWE und E.ON auf – den beiden Energiekonzernen, mit denen Reiche seit Jahren eng verbunden ist.
12 Millionen für das Bild
Schlechte Fakten brauchen gute Verpackung. Im Februar 2026 begann das Wirtschaftsministerium die Zusammenarbeit mit zwei PR-Agenturen: Scholz & Friends und FGS Global. Das maximale Auftragsvolumen laut Bundesvergabeplattform: bis zu zwölf Millionen Euro. Die Zusammenarbeit läuft bis mindestens Februar 2028, eine Verlängerung ist möglich. Den genauen Umfang der Leistungen und die Vergütung wollte das Ministerium gegenüber der Zeit nicht offenlegen – „zum Schutz vertraulicher Daten”.
FGS Global gilt als CDU-nah und auf strategische Kommunikation spezialisiert. Was weniger oft erwähnt wird: Die Agentur gehört zum Portfolio des US-Finanzinvestors KKR – einem der größten Private-Equity-Akteure der Welt mit massiven Investitionen in fossile Energieträger. Eine Ministerin, die den Rückzug aus der Energiewende betreibt, kauft sich also bei einer Agentur ein, deren Eigentümer sein Geld mit Öl und Gas verdient. Das ist kein Zufall. Das ist eine Konstellation.
LobbyControl-Experte Aurel Eschmann nennt das Vorgehen „absolut inakzeptabel”: Externe Berater seien weder rechenschaftspflichtig noch weisungsgebunden. „Das ist ein Ausverkauf demokratischer Politik an Unternehmen.”
9.000 Stunden für die Hausleitung
Parallel dazu schrieb das Ministerium Ende März 2026 eine „Rahmenvereinbarung Strategische Top-Management-Beratung” aus. Inhalt: externe Berater sollen 9.000 Arbeitsstunden pro Jahr die Hausleitung unterstützen – in Fragen der Organisationsgestaltung, Prozesssteuerung, Ressourcenallokation. Kosten: mindestens zwei Millionen Euro. Das über zwei Jahre, mit möglicher Verlängerung auf vier.
Im Ministerium selbst wundert man sich, was da alles nach außen gegeben werden soll. Laut Handelsblatt halten Mitarbeiter den Auftrag für „fragwürdig”. Öffentlich formuliert LobbyControl es schärfer: Wenn Reiche die interne Expertise nicht für ausreichend halte, müsse sie diese durch gute Personalpolitik herstellen. Die eigentliche Frage aber sei, ob es wirklich an Expertise mangele – oder ob es vor allem darum gehe, internen Widerstand gegen Reiches politischen Kurs zu umgehen.
Das Haus überwacht sich selbst
Anfang 2026 wurden zwei wichtige Gesetzentwürfe aus dem Ministerium an die Öffentlichkeit durchgestochen. Die Reaktion der Hausleitung: Laut einem Spiegel-Bericht, der sich auf Insider beruft, wurden die E-Mail-Konten mehrerer Beamter durchsucht. Wirtschaftsministerin Reiche soll vorab über die Spähaktion informiert gewesen sein. Die Pressestelle des Ministeriums wollte den Bericht weder bestätigen noch dementieren. Man äußere sich zu internen IT- und Geheimschutzmaßnahmen grundsätzlich nicht.
Parallel dazu kursieren in sozialen Netzwerken Listen mit offenen Stellen auf Führungsebene im Ministerium. Die frisch eingestellte Pressesprecherin verlässt das Haus bereits wieder. Die Stimmung im Haus gilt als mies.
Der politische Kurs: fossile Renaissance
Was Reiche inhaltlich treibt, ist dokumentiert. Sie will 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke bauen – Anlagen, die nicht einmal auf Wasserstoff umrüstbar sein müssen. Sie will das Gebäudeenergiegesetz abschaffen und das Heizen mit Erdgas wieder empfehlen. Beim Energieeffizienzgesetz zeigen Recherchen von LobbyControl und Campact auffällige Parallelen zwischen einem geleakten Referentenentwurf und Lobbypapieren von Microsoft und Google. Den Ausbau der Erneuerbaren bezeichnete sie öffentlich als „völlig überzogen” – während ihr eigenes Ministerium in Auftrag gegebene Studien zu genau diesem Thema nachträglich umschreiben ließ.
Die Folgen sind quantifizierbar: Eine Studie beziffert die ausbleibenden Investitionen durch Reiches energiepolitischen Kurswechsel auf 65 Milliarden Euro.
Was bleibt
Katherina Reiche ist keine Unfähige, die zufällig in ein Amt geraten ist. Sie ist eine Person mit einem klaren Netzwerk, einem klaren Kurs und einer klaren Klientel. Ob beim manipulierten Gutachten, bei der teuer bezahlten PR-Offensive, beim Überwachen eigener Beamter oder beim fossilen Rollback: Es gibt eine Logik, die all das zusammenhält. Es ist nicht die Logik des öffentlichen Interesses.
Die Energieminister von 15 Bundesländern versuchen, die Windräder am Laufen zu halten. Auf Berlins Straßen demonstrieren am 18. April Menschen für die Energiewende. Und das Wirtschaftsministerium – finanziert von Steuergeldern, bestückt mit teuren Beratern, bewacht mit IT-Kontrollen – arbeitet daran, dass sich möglichst wenig ändert.
Wir bezahlen das alles. Den PR-Etat. Die Beraterstunden. Den Kurs. Das ist keine Panne. Das ist das System.
Quellen: taz, Handelsblatt, Die Zeit, Greenpeace, LobbyControl, Transparency International, Campact, Lobbypedia, Spiegel, Apollo News (alle April 2026 bzw. frühere Berichte wie angegeben). Alle Fakten basieren auf veröffentlichten Recherchen und belegten Berichten; Einschätzungen und Analysen sind als solche kenntlich gemacht.



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