Die Entwertung beginnt im Diskurs
- Guenter Joachim Disch
- 20. März
- 3 Min. Lesezeit

Wenn Nikolaus Blome im Spiegel schreibt, Deutschland sei „viel zu nett“ und Arbeitslose wie Kriegsflüchtlinge könnten ihr Leben „à la carte“ wählen, dann ist das keine bloße Provokation. Es ist ein diskursiver Akt. Und wie Hannah Arendt immer wieder betont hat, beginnen politische Verwerfungen nicht mit Gewalt, sondern mit Sprache. Mit der Verschiebung dessen, was sagbar, denkbar und schließlich machbar wird.
Der Ausdruck „à la carte“ ist dabei zentral. Er ersetzt Zwang durch Wahl, Notwendigkeit durch Präferenz, Ohnmacht durch Genuss. Wer Armut und Flucht so beschreibt, entpolitisiert sie – und moralisiert sie zugleich. Denn wer wählt, trägt Verantwortung. Und wer Verantwortung trägt, kann zur Rechenschaft gezogen werden. Genau das ist der Mechanismus.
Arendt hätte darin eine klassische Form der Verantwortungsverschiebung erkannt. Nicht die Strukturen, nicht die politischen Entscheidungen, nicht Kriege, Märkte oder Machtverhältnisse stehen im Fokus, sondern das Verhalten der Betroffenen. Aus Menschen in objektiver Not werden Subjekte mit angeblich falschen Entscheidungen. Das ist kein Zufall, sondern Voraussetzung für Distanzierung. Denn nur wer als Handelnder erscheint, kann moralisch abgewertet werden.
Karl Polanyi hätte diesen Diskurs als Symptom einer tieferliegenden Entwicklung gelesen: der fortschreitenden Entbettung des Sozialen. In „The Great Transformation“ beschreibt er, wie Gesellschaften zerbrechen, wenn soziale Sicherungssysteme nicht mehr als Schutz, sondern als Störung des Marktes begriffen werden. Genau das geschieht hier. Soziale Leistungen erscheinen nicht mehr als zivilisatorische Errungenschaft, sondern als Fehlanreiz. Armut wird nicht mehr als gesellschaftliches Risiko verstanden, sondern als individuelles Versagen.
Der Begriff „zu nett“ ist in diesem Sinne hochideologisch. Er impliziert, dass Solidarität ein Luxus sei, den man sich nur in guten Zeiten leisten könne. Dass Menschlichkeit unter Effizienzvorbehalt steht. Polanyi zeigt, dass genau diese Logik historisch immer dann greift, wenn ökonomische Spannungen zunehmen – und die politische Mitte beginnt, sich gegen die eigenen sozialen Grundlagen zu wenden.
Michel Foucault wiederum liefert das Instrumentarium, um zu verstehen, wie diese Verschiebung funktioniert. Es handelt sich um eine Form neoliberaler Gouvernementalität: Menschen werden nicht mehr als Träger von Rechten betrachtet, sondern als zu steuernde Populationen. Kategorien wie „Arbeitslos“, „Geflüchtet“, „alt“, „kostenintensiv“ dienen dabei nicht der Beschreibung, sondern der Verwaltung.
Wenn Blome von „großen Gruppen“ spricht, ist das kein rhetorischer Zufall. Individuen verschwinden, Kollektive treten an ihre Stelle. Genau das ist die Voraussetzung für das, was Foucault als Biopolitik beschreibt: die Bewertung von Leben nach Nutzen, Risiko und Kosten. Wer so spricht, bereitet nicht unmittelbar Gewalt vor, aber er bereitet ihre Rechtfertigung vor.
In dieses Raster fügt sich auch die scheinbar nüchterne Debatte über medizinische Versorgung im Alter. Wenn öffentlich angedeutet wird, dass es Lebensphasen gebe, in denen bestimmte Medikamente „nicht mehr einfach so“ gegeben werden sollten, ohne Kriterien, ohne ethische Fundierung, ohne klare Verantwortlichkeit, dann wird ein Tabu verschoben. Nicht der Tod wird diskutiert, sondern der Anspruch auf Versorgung. Leben wird kontextualisiert. Genau hier beginnt das, was Arendt als die Erosion der gleichen Würde beschrieben hätte.
Bemerkenswert ist, dass all dies aus der sogenannten bürgerlichen Mitte kommt. Nicht von offen autoritären Kräften, sondern von Leitartiklern, Experten, Kommentatoren. Arendt warnte genau davor: dass die gefährlichsten Verschiebungen nicht von Extremisten ausgehen, sondern von jenen, die sich selbst für vernünftig halten. Die „Banalität“ liegt nicht im Bösen selbst, sondern in seiner Normalisierung.
Diese Mitte glaubt, durch sprachliche Härte die radikale Rechte einhegen zu können. Tatsächlich übernimmt sie deren Grundannahmen: dass Solidarität begrenzt, Würde konditional, Menschen bewertbar seien. Der Unterschied liegt nur noch im Ton, nicht mehr im Menschenbild.
Was dabei verloren geht, ist das, was Polanyi als zivilisatorische Gegenbewegung beschrieben hat: die Einsicht, dass Gesellschaften sich selbst schützen müssen, wenn sie nicht zerfallen wollen. Und was Foucault sichtbar macht: dass Macht heute weniger durch offene Repression wirkt als durch scheinbar rationale Diskurse über Effizienz, Zumutbarkeit und Notwendigkeit.
Deutschland ist nicht „zu nett“.
Es ist dabei, Nettigkeit als moralischen Fehler zu definieren.
Und vielleicht ist das der entscheidende Punkt:
Wenn Mitmenschlichkeit erklärungsbedürftig wird,
wenn Solidarität sich rechtfertigen muss,
wenn Würde an Bedingungen geknüpft wird,
dann ist nicht die Gesellschaft zu weich geworden –
sondern ihr Begriff vom Menschen zu hart.
Die Verrohung kommt nicht von außen.
Sie kommt aus der Mitte.
Und sie beginnt nicht mit Gewalt, sondern mit Worten.



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