Die Energie, die niemand kontrollieren kann
- Guenter Joachim Disch
- 23. März
- 3 Min. Lesezeit

Deutschland importiert 97 Prozent seines Öls und 95 Prozent seines Erdgases.
Jedes Jahr fließen rund 70 Milliarden Euro ins Ausland, um Energie zu kaufen, die wir selbst nicht besitzen.
Das ist keine abstrakte Zahl.
Es ist eine strukturelle Schwäche.
Denn jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt ein Krieg ausbricht, eine Pipeline gesprengt wird oder Tanker eine Meerenge nicht mehr passieren können, wird diese Abhängigkeit sichtbar.
Dann steigen die Preise.
Nicht weil in Deutschland etwas knapp wird.
Sondern weil Konflikte tausende Kilometer entfernt plötzlich über unsere Energie entscheiden.
Die Illusion vom technologischen Befreiungsschlag
In solchen Momenten wird gern ein vermeintlicher Ausweg präsentiert: Atomkraft.
Doch ein Blick auf die Realität europäischer Reaktorprojekte wirkt ernüchternd.
Der Reaktor im französischen Flamanville wird seit 17 Jahren gebaut.
Geplant waren 3,3 Milliarden Euro.
Inzwischen liegen die Kosten bei rund 23,7 Milliarden.
Finnlands Reaktor Olkiluoto brauchte 18 Jahre Bauzeit.
Das britische Kraftwerk Hinkley Point C sollte einst 18 Milliarden Pfund kosten – inzwischen sind es rund 48 Milliarden.
Kein einziges Atomkraftwerk in Europa wurde in den letzten zwanzig Jahren im Budget oder im Zeitplan fertig.
Und auch das Uran dafür kommt nicht aus Europa, sondern aus Kasachstan, Kanada oder Australien.
Atomkraft löst also kein Abhängigkeitsproblem.
Sie verschiebt es nur.
Die Energie, die niemand besitzt
Es gibt allerdings eine Energiequelle, die sich diesem Spiel entzieht.
Wind.
Sonne.
Sie gehören niemandem.
Keinem Staat.
Keinem Kartell.
Keinem Energiekonzern.
Und genau darin liegt ihre eigentliche Sprengkraft.
Eine einmal installierte Solaranlage produziert 25 Jahre lang Strom.
Windräder liefern Energie, ohne dass jeden Tag ein Tanker anlegen muss.
Das Geschäftsmodell der fossilen Energiewirtschaft funktioniert jedoch anders:
Öl, Gas und Kohle müssen ständig neu verkauft werden.
Jeden Tag.
Jeden Monat.
Jedes Jahr.
Erneuerbare Energien brechen mit diesem Prinzip.
Das antikapitalistische Moment der Sonne
Wind und Sonne haben etwas, das in klassischen Energiemärkten fast revolutionär wirkt.
Sie lassen sich nicht kontrollieren.
Man kann keine Pipeline zur Sonne bauen.
Man kann keinen Windkartell gründen.
Man kann keinen Preis festlegen, zu dem Sonnenstrahlen exportiert werden.
Das macht erneuerbare Energien nicht nur klimafreundlich.
Es macht sie auch systemisch unbequem für ein Geschäftsmodell, das seit Jahrzehnten darauf basiert, natürliche Ressourcen zu kontrollieren und zu verkaufen.
Wer Öl besitzt, besitzt Macht.
Wer Sonne nutzt, verteilt sie.
Und genau deshalb ist der Ausbau erneuerbarer Energien auch ein Machtkampf.
Der Widerstand eines alten Systems
Die fossile Energiewirtschaft ist einer der mächtigsten Wirtschaftszweige der Welt.
Über Jahrzehnte hat sie Infrastruktur, politische Netzwerke und wirtschaftliche Abhängigkeiten aufgebaut.
Pipelines, Förderrechte, Raffinerien, Tankstellen – ein globales System, das auf permanentem Verbrauch basiert.
Erneuerbare Energien stellen dieses System infrage.
Denn sie verlagern Energieproduktion vom globalen Markt in die Regionen.
Auf Hausdächer.
Auf Felder.
Auf Windparks vor der Küste.
Strom wird plötzlich dort erzeugt, wo Menschen leben – nicht dort, wo Rohstoffe gefördert werden.
Die Demokratisierung der Energie
Der vielleicht radikalste Effekt der Energiewende liegt genau hier.
Energie kann demokratischer werden.
In Deutschland existieren inzwischen über 1000 Bürgerenergiegenossenschaften.
Menschen schließen sich zusammen, bauen Windräder oder Solaranlagen und teilen sich Erträge und Strom.
Solaranlagen auf Mehrfamilienhäusern versorgen ganze Wohnblocks direkt mit Energie.
Und selbst Mieter können heute über kleine Balkonmodule ihren eigenen Strom erzeugen.
Was hier entsteht, ist nicht nur eine neue Technologie.
Es ist eine neue Struktur der Energieversorgung.
Die eigentliche Entscheidung
Die entscheidende Frage ist deshalb keine ideologische.
Es geht nicht um links oder rechts.
Nicht um Kulturkampf oder Parteipolitik.
Es geht um eine einfache Entscheidung.
Will man den wichtigsten Rohstoff einer modernen Gesellschaft weiterhin jedes Jahr für Milliarden importieren – aus Regionen, in denen Konflikte jederzeit die Preise bestimmen können?
Oder will man eine Energie nutzen, die jeden Tag kostenlos auf das eigene Land fällt?
Die Antwort darauf ist weniger eine politische Überzeugung als eine Frage der Vernunft.
Denn wer seinen wichtigsten Rohstoff selbst erzeugen kann, aber stattdessen jedes Jahr 70 Milliarden Euro für Importe ausgibt, entscheidet sich nicht für Stabilität.
Er entscheidet sich für Abhängigkeit.



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