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Der große Sieg gegen die Zukunft


Die 65-Prozent-Regel ist gefallen. Endlich. Deutschland kann wieder beruhigt schlafen. Keine lästigen Klimaziele mehr, keine unbequemen Investitionen, kein Blick auf das, was in zehn oder zwanzig Jahren sein wird. Stattdessen feiern wir uns für den „Sieg gegen das Heizgesetz“ – als hätte man gerade eine übergriffige Bürokratie besiegt und nicht die physikalischen Realitäten.

Die Reform des Gebäudeenergiegesetz sollte nichts anderes als Planungssicherheit schaffen: Neue Heizungen sollten künftig überwiegend mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Kein radikaler Umsturz, sondern ein klarer Pfad. Denn der Gebäudesektor ist einer der größten CO₂-Verursacher. Wer hier nicht umsteuert, verlagert die Rechnung – zeitlich wie finanziell – in die Zukunft.

Doch die Christlich Demokratische Union Deutschlands und ihre Schwesterpartei haben das Gesetz von Beginn an nicht als energiepolitisches Instrument behandelt, sondern als symbolisches Schlachtfeld. Es ging weniger um Wärmepumpen als um Abgrenzung. Weniger um Effizienz als um Effekt. Vor allem um Distanz zu Robert Habeck.

Das Narrativ war simpel: Bevormundung! Heiz-Hammer! Enteignung durch die Hintertür! Und es verfing. Wer Angst vor explodierenden Kosten hat, ist empfänglich für das Versprechen, alles bleibe erstmal so, wie es ist.

Doch genau das ist die Illusion.

Denn fossile Energie wird nicht deshalb günstiger, weil man politische Ziele abschwächt. Der CO₂-Preis steigt weiter. Internationale Märkte reagieren nicht auf innenpolitische Symbolpolitik. Wer sich heute für eine neue Öl- oder Gasheizung entscheidet, entscheidet sich für eine Technologie mit absehbar steigenden Betriebskosten – und möglicherweise sinkendem Immobilienwert. Die Rechnung kommt nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als monatlicher Abschlag.

Das eigentlich Erstaunliche ist nicht, dass Politik um Mehrheiten ringt. Das ist ihr Wesen. Erstaunlich ist, wie bereitwillig man kurzfristige Zustimmung über langfristige Vernunft stellt. Klimapolitik ist kein Lifestyle-Projekt, sondern Risikomanagement. Wer sie aus ideologischer Abgrenzung verwässert, handelt nicht pragmatisch, sondern verschiebt Kosten.

Und ja, Politik darf korrigieren. Gesetze dürfen verbessert werden. Aber die Erzählung vom „Habeckschen Heizgesetz“ war von Anfang an eine bewusste Verkürzung.

Das Gebäudeenergiegesetz existierte lange vor Robert Habeck. Es war ein Gesetz aus Zeiten der CDU-geführten Bundesregierung. Habeck hat es nicht erfunden, sondern überarbeitet – verschärft im Ziel, ja, aber zugleich flankiert mit Förderprogrammen, Übergangsfristen und sozialen Abfederungen. Gerade für Eigentümer alter Öl- und Gasheizungen wurden lange Übergangsregelungen geschaffen. Niemand sollte über Nacht enteignet werden. Niemand musste funktionierende Anlagen sofort herausreißen.

Und dennoch wurde aus einer Novelle ein Feindbild.

Man hat personalisiert, emotionalisiert, dramatisiert. Aus einem technischen Anpassungsgesetz wurde ein Kulturkampf. Aus einer langfristigen Investitionsentscheidung wurde eine ideologische Zumutung.

Das ist das eigentlich Bemerkenswerte: Ein Gesetz, das im Kern auf einem unionsgeführten Vorgänger beruhte, wurde zum Symbol angeblicher grüner Bevormundung erklärt. Nicht weil es strukturell neu war – sondern weil es politisch nutzbar war.

Wenn nun ausgerechnet jene politische Kraft zentrale Elemente wieder zurückdreht, die das Fundament selbst gelegt hat, dann wirkt das weniger wie sachliche Korrektur als wie nachträgliche Distanzierung vom eigenen politischen Erbe.

Technologieoffenheit ist ein legitimes Prinzip. Aber sie ersetzt keine Zielklarheit. Wer Emissionen senken will, muss irgendwann entscheiden, welche Technologien eine Zukunft haben – und welche nicht. Alles andere ist kein Pragmatismus. Es ist Aufschub.

Am Ende bleibt die Frage: Wem nützt dieser vermeintliche Sieg? Dem Hausbesitzer, der in zehn Jahren mit steigenden CO₂-Abgaben kämpft? Den Kommunen, die ihre Wärmenetze trotzdem planen müssen? Oder jenen, die heute Applaus bekommen, weil sie versprechen, dass alles beim Alten bleiben darf?

Die Physik kennt keine Parteifarben. Märkte kennen keine Wahltermine. Und Heizungen haben eine Lebensdauer von zwanzig Jahren.

Wer jetzt auf Öl und Gas setzt, kauft nicht Freiheit. Er kauft ein Risiko – und nennt es Triumph.

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