Der Dämonisierte und die Lobbyistin: Habeck und Reiche im Faktenvergleich
- Guenter Joachim Disch
- 7. Apr.
- 6 Min. Lesezeit

Ein investigativer Vergleich zweier Wirtschaftsminister – und was er über den Zustand unserer Demokratie sagt
Vorbemerkung
Dieser Artikel will keine Hagiographie sein. Robert Habeck hat Fehler gemacht. Das Gebäudeenergiegesetz war kommunikativ schlecht. Der späte Personalumbau kurz vor der Bundestagswahl war taktisch unklug. Wer das ignoriert, betreibt Propaganda.
Aber Fehler zu machen ist etwas anderes, als das falsche Amt bekleiden. Und genau darum geht es in diesem Text: um einen nüchternen, faktenbasierten Vergleich zweier Menschen, die dasselbe Ministerium geführt haben – und führen. Was sie leisteten. Wie sie führten. Und vor allem: wessen Interessen sie vertraten.
I. Die Krise als Prüfstein: Habeck 2022
Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, war Deutschland in einer historisch einmaligen Lage. Jahrzehntelange Abhängigkeit von russischem Pipelinegas hatte das Land in eine strategische Falle geführt, die nicht Habeck gebaut hatte, sondern seine Vorgänger – über Regierungen verschiedenster Couleur hinweg.
Habeck war zu diesem Zeitpunkt seit weniger als drei Monaten im Amt. Er hatte keinerlei Regierungserfahrung auf Bundesebene. Und er übernahm eine Aufgabe, die selbst erfahrene Energiepolitiker überfordert hätte.
Was er tat, ist inzwischen gut dokumentiert. LNG-Terminals wurden im Eiltempo geplant und errichtet – Projekte, die normalerweise Jahre dauern. Kohlekraftwerke wurden aus der Reserve geholt, obwohl Habeck als Grüner das als persönlich schwerste Entscheidung bezeichnete. Russische Energieunternehmen wurden unter staatliche Treuhandverwaltung gestellt. Habeck reiste zu arabischen Staatsoberhäuptern, zu Scheichs, denen gegenüber er sich verbeugte – wegen Gas, das Deutschland brauchte. Er tat es ohne ideologische Scheuklappen.
Das Ergebnis: Kein einziger Versorgungsengpass im Winter 2022/23. Die Gasspeicher waren zum Jahreswechsel voll – trotz des vollständigen Verzichts auf russisches Pipelinegas (*taz*, März 2024). Der Tagesspiegel urteilte im März 2026 rückblickend, Habeck habe das „Churchill-Prinzip" konsequent genutzt: „Never waste a good crisis."
Nach einem Jahr im Amt hatte Habecks Ministerium 28 Gesetzentwürfe ins Kabinett eingebracht (*t-online*, März 2026). Diese Zahl ist kein Zufall – sie spiegelt ein Ministerium, das funktionierte.
II. Die Lobbykette: Wer ist Katherina Reiche?
Um Katharina Reiche zu verstehen, muss man ihren Lebenslauf chronologisch lesen – und dabei die Pausen beachten.
Von 1998 bis 2015 war sie CDU-Bundestagsabgeordnete, zuletzt parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium. 2015 verließ sie den Bundestag – ohne Karenzzeit, direkt in die Wirtschaft. Ihr erster Posten: Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), einem der einflussreichsten Energielobbyverbände Deutschlands. Der VKU war aktiv daran beteiligt, das spätere Gebäudeenergiegesetz abzuschwächen – das Gesetz also, das Habeck später zum Verhängnis werden sollte (LobbyControl, zitiert nach Campact, 2026).
Ab Januar 2020 übernahm Reiche den Vorstandsvorsitz der Westenergie AG, einer hundertprozentigen Tochter des E.ON-Konzerns – einem der größten Gasnetzbetreiber Deutschlands, mit 37.000 Kilometern Gasnetz. Parallel saß sie im Aufsichtsrat von DEW21 und RheinEnergie.
Am 6. Mai 2025 wurde sie Bundesministerin für Wirtschaft und Energie im Kabinett Merz.
Keine Karenzzeit. Keine Abkühlphase. Direkt vom Chefsessel des Gaskonzerns ins Wirtschaftsministerium.
Die Antikorruptionsorganisation LobbyControl bezeichnete sie bereits bei ihrer Ernennung als „Sprachrohr der Konzernlobby" und warnte vor strukturellen Interessenkonflikten (*xpert.digital*, April 2026). Die Frage, die LobbyControl stellte, ist dabei simpel und vernichtend zugleich: Wie soll jemand einen Markt neutral regulieren, den sie fünf Jahre lang als Unternehmensführerin geprägt hat?
III. Politik oder Lobby? Der Faktencheck
Seit ihrem Amtsantritt hat Reiche eine energiepolitische Linie verfolgt, die in einer auffälligen Kontinuität zu ihrer Vergangenheit steht.
Sie will 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke bauen – Kraftwerke, die laut ihrem eigenen Ministerium bis 2040 nur noch fünf Prozent des Strombedarfs decken würden (*Wetterauer Zeitung*, März 2026). Das Wirtschaftsministerium selbst zweifelt also an der Sinnhaftigkeit dieser Investition. Windkraftpionier Johannes Lackmann brachte es in einem offenen Brief auf den Punkt: „Wenn man seine frühere Mitarbeiterin erfolgreich als Wirtschaftsministerin platziert hat, fällt es natürlich leicht, unverschämte Forderungen in den Raum zu stellen" – in Richtung von E.ON-Chef Leonhard Birnbaum, der den Ausbau erneuerbarer Energien einschränken wollte (*taz*, März 2026). Nachweislich gab es seit Reiches Amtsantritt neun Treffen zwischen ihr bzw. ihrem Ministerium und E.ON-Vertretern.
Gleichzeitig sollen die Einspeisevergütungen für private Solaranlagen abgeschafft werden. Das trifft 5,7 Millionen Photovoltaikanlagen auf Eigenheimen in Deutschland – und nützt direkt den großen Netzbetreibern, die an dezentraler Energieerzeugung verdienen. Westenergie und E.ON sind solche Netzbetreiber.
Ein weiterer Befund: Reiche hat zentrale Aufgaben ihres eigenen Ministeriums für rund zwei Millionen Euro an eine externe Beratungsfirma ausgelagert – obwohl das Haus über 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Die öffentliche Ausschreibung trug den Titel „Rahmenvereinbarung Strategische Top-Management-Beratung für die Behördenleitung" (*kettner-edelmetalle.de*, April 2026). Das Ministerium erklärte, es handele sich um Leistungen, die von niemandem im Haus erbracht werden könnten. Man reibt sich die Augen.
IV. Das Ministerium als Kampfzone: Führung im Vergleich
Führung ist kein weiches Thema. Ein dysfunktionales Ministerium produziert keine Gesetze, keine Reformen, keine Lösungen. Und hier liegt einer der schärfsten Kontraste zwischen Habeck und Reiche.
Habeck baute sein Ministerium aktiv um, als er es übernahm. Er holte Fachleute mit klarer Expertise – Sven Giegold, Anja Hajduk, Udo Philipp. Er gründete mitten in der Energiekrise eine neue Abteilung für Energiesicherheit und betraute sie mit Philipp Steinberg, einem erfahrenen Beamten, der seit der Ära Sigmar Gabriel als wichtige Stütze des Hauses galt. Das Ergebnis war ein Ministerium, das in einer der schwersten Wirtschaftskrisen der Nachkriegszeit lieferte.
Reiche hat seit ihrem Amtsantritt vor allem eines hinterlassen: Unruhe.
Innerhalb weniger Monate wurden die drei beamteten Staatssekretäre entlassen – allesamt erfahrene Verwaltungsexperten, die die Energiekrise 2022 mitbewältigt hatten. Mehrere Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter wurden versetzt oder abgelöst. Als Nachfolgerin der Leitungsabteilungs-Chefin Yvonne Schreiber – die den Übergang nach dem Regierungswechsel mitorganisiert hatte und die Reiche öffentlich für ihre „enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit" lobte – wurde ein enger Vertrauter Reiches ohne transparentes Auswahlverfahren eingesetzt (*Handelsblatt*, Februar 2026).
Im März 2026 wurde bekannt: E-Mail-Konten von Ministeriumsbeamten wurden durchsucht, um eine undichte Stelle bei Gesetzesentwürfen ausfindig zu machen. Mehrere Beschäftigte wurden aufgefordert, dienstliche Erklärungen zu unterschreiben, nachdem die Teilnehmerliste einer Dienstreise nach Saudi-Arabien geleakt worden war (*Handelsblatt*, März 2026). Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichteten dem Tagesspiegel, eine solche Situation habe es im Wirtschaftsministerium noch nie gegeben.
Der Personalrat des Ministeriums übte „scharfe Kritik" und sprach davon, dass alles mit „negativer Grundstimmung begleitet" werde – eine Formulierung, die in der nüchternen Sprache des öffentlichen Dienstes einer Katastrophenmeldung gleichkommt.
Das Ergebnis ist politisch: Nach mehr als einem Jahr im Amt hat Reiche kaum substanzielle Gesetze auf den Weg gebracht – während Habeck nach einem Jahr bereits 28 Kabinettsbeschlüsse vorzuweisen hatte.
V. Das Heizungsgesetz und die Medienmaschine
Man kann diesen Artikel nicht schreiben, ohne das zu benennen, was Habeck politisch gebrochen hat: das Gebäudeenergiegesetz, in der öffentlichen Debatte als „Heizungsgesetz" bekannt.
Das Gesetz war inhaltlich richtig in seiner Grundrichtung. Die Wärmewende ist zwingend notwendig, wenn Deutschland seine Klimaziele ernst nimmt. Aber es war schlecht kommuniziert, unfertig ins Öffentliche gedrungen und politisch katastrophal gerahmt.
Was dann folgte, war mehr als normale politische Kritik. Die BILD-Zeitung und andere Springer-Medien haben das Gesetz systematisch verzerrt dargestellt: unfertige Entwürfe wurden als fertige Gesetze präsentiert, Extremszenarien als Gewissheiten verkauft, Habeck persönlich – nicht seine Politik – wurde zur Zielscheibe gemacht.
Das ist deshalb relevant, weil Springer-Chef Mathias Döpfner in geleakten privaten Nachrichten politische Positionen vertreten hat, die weit rechts der politischen Mitte liegen. Springer hat massive wirtschaftliche Interessen an einem konservativ-fossilen Energiepolitikkurs. Und die Heizungslobby, zu der auch der VKU gehörte – also der Verband, den Reiche bis 2020 leitete – hat aktiv gegen das Gesetz gearbeitet.
Die Demontage Habecks war also kein Zufall. Sie war das Ergebnis einer koordinierten Kampagne, in der Medieninteressen und Lobbyinteressen zusammenfanden.
Heute ist das Heizungsgesetz faktisch abgeschafft. Neue Gasheizungen dürfen wieder eingebaut werden. Wer profitiert? Die Gasnetzbetreiber. Allen voran Westenergie.
VI. Was dieser Vergleich zeigt
Habeck hat in der Energiekrise pragmatisch und entschlossen gehandelt – gegen seine eigenen ideologischen Überzeugungen, wenn es notwendig war. Er hat ein Ministerium aufgebaut, das funktionierte. Er hat kommunikativ versagt beim Heizungsgesetz und wurde dafür von einer koordinierten Medien- und Lobbykampagne politisch vernichtet.
Reiche verwaltet seit Mai 2025 ein Ministerium, das von innen auseinanderbricht. Sie bringt kaum Gesetze auf den Weg. Sie lagert ministerielle Kernaufgaben teuer aus. Sie verfolgt eine Energiepolitik, die strukturell den Interessen ihres früheren Arbeitgebers nützt. Und sie führt in einem Stil, der das Vertrauen ihrer eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter systematisch zerstört.
Der Unterschied zwischen beiden ist kein Unterschied in politischer Couleur. Es ist ein Unterschied zwischen Politik für das Land und Politik für Partikularinteressen.
Quellen
- taz, März 2024: *Habeck erklärt Energiekrise für beendet*
- taz, April 2024: *Grüner Wirtschaftsminister: Macht, Mensch, Habeck*
- Tagesspiegel, März 2026: *Mehr Pragmatismus und Empathie wagen: In der Krise kann Reiche von Habeck lernen*
- t-online, März 2026: *Katherina Reiche: Ministerin führt Kleinkrieg – wichtige Gesetze verschoben*
- Handelsblatt, Februar 2026: *Wirtschaftsministerium: Reiche wechselt eine ihrer wichtigsten Beamtinnen aus*
- Handelsblatt, März 2026: *Katherina Reiche: Geleakte Liste – Mitarbeiter sollen Erklärungen unterschreiben*
- taz, März 2026: *Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes: Windkraftpionier wirft Reiche Interessenkonflikt vor*
- taz, Mai 2025: *Energiepolitik unter Katherina Reiche: Neue Ministerin für alte Wirtschaft*
- Campact, Januar 2026: *Katherina Reiche – die Lobby-Ministerin und ihre Rolle bei der Energiewende Deutschlands*
- xpert.digital, April 2026: *Katherina Reiche: Retterin der Industrie oder Sprachrohr der Konzernlobby?*
- Wetterauer Zeitung, März 2026: *Schlechte Politik und Lobbyismus? Wieso Wirtschaftsministerin Reiche so sehr in der Kritik steht*
- Wikipedia: *Katherina Reiche* (Stand April 2026)
- LobbyControl: Stellungnahmen zur Ernennung Reiches (April 2025)
- kettner-edelmetalle.de, April 2026: *Zwei Millionen Euro für externe Berater: Wirtschaftsministerin Reiche entmachtet das eigene Ministerium*
- experten.de, Mai 2025: *Personalumbau im Bundeswirtschaftsministerium: Katherina Reiche vollzieht Bruch mit Habeck-Ära*
*Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte Berichte unabhängiger und überregionaler Medien sowie auf dokumentierte politische Vorgänge. Wer anderer Meinung ist: Die Quellen sind angegeben.*



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