„Das System kam über uns“
- Guenter Joachim Disch
- 10. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Warum die AfD im Osten so stark ist – und warum das keine Entschuldigung sein darf
„Meine Mutter sagte einmal, sie habe sich gefühlt, als wäre sie ausgewandert, ohne umzuziehen.“
Der Satz stammt von der Mutter eines Ostdeutschen, der heute in Hamburg lebt. Aber in diesem einen Satz steckt vermutlich mehr über die Wendezeit als in vielen politischen Debatten der letzten Jahrzehnte.
Denn er beschreibt etwas, das viele Menschen in Westdeutschland bis heute nur schwer nachvollziehen können: Für viele Ostdeutsche bedeutete die Wiedervereinigung nicht nur Freiheit, sondern auch den Verlust von Vertrautheit, Einfluss und Identität.
Die Menschen wollten das DDR-Regime nicht mehr. Sie wollten reisen dürfen, frei sprechen können und frei wählen können. Aber die Vorstellung davon, wie sich Freiheit anfühlen würde, war oft eine andere als die Realität, die dann kam. Und wie hätte es auch anders sein sollen? Wer vierzig Jahre in einem autoritären Staat gelebt hat, konnte Demokratie nicht einfach „einüben“. Sie kam plötzlich. Komplett. Mit neuen Regeln, neuen Begriffen, neuen Institutionen und neuen Eliten.
Viele Ostdeutsche gingen in der DDR schlafen und wachten am nächsten Morgen gefühlt in einem anderen Land auf.
Und dieses neue Land fühlte sich für viele nicht wie ein gemeinsamer Neuanfang an, sondern wie etwas, das über sie kam.
Plötzlich gab es Arbeitgeber statt Brigaden, Konkurrenz statt Planbarkeit, Marktwirtschaft statt staatlicher Ordnung. Betriebe verschwanden, Biografien zerbrachen, Sicherheiten lösten sich auf. Gleichzeitig verschwanden auch die politischen Bewegungen, die aus der DDR selbst entstanden waren. Bürgerbewegungen wie das Neue Forum oder Bündnis 90 gingen in westdeutschen Parteistrukturen auf. Nach wenigen Jahren gab es kaum noch eigenständige ostdeutsche politische Kräfte. Entscheidungen wurden getroffen – aber oft von Menschen, die diese ostdeutsche Lebensrealität nie selbst erlebt hatten.
Und genau daraus entstand bei vielen ein tiefes Gefühl mangelnder Repräsentation.
Das politische System wurde akzeptiert, aber oft nicht als etwas erlebt, das man selbst mitgestaltet. Die neuen Eliten kamen aus dem Westen. Die großen Medien kamen aus dem Westen. Die wirtschaftlichen Entscheider kamen aus dem Westen. Vielen Ostdeutschen blieb das Gefühl, eher verwaltet als wirklich gehört zu werden.
Darüber wurde lange erstaunlich wenig gesprochen.
Vielleicht erklärt das auch einen Teil des Erfolgs der AfD in Ostdeutschland. Nicht wegen überzeugender politischer Konzepte – die aus meiner Sicht weitgehend aus Parolen, Ressentiments und Feindbildern bestehen –, sondern wegen des Gefühls, das sie anspricht.
Die AfD ist die erste große politische Kraft nach der Wiedervereinigung, die ihren Aufstieg maßgeblich im Osten hatte. Sie wirkt vielerorts nicht wie eine Partei „von außen“, sondern wie ein Ventil für Wut, Frust und das Bedürfnis nach Selbstbehauptung. Das permanente Dagegensein, das demonstrative Nein zu „den da oben“, die Lust daran, politische und gesellschaftliche Eliten zu provozieren – all das verschafft manchen Menschen das Gefühl, endlich wieder Wirkung zu haben.
Es geht dabei oft um Rebellion. Um Trotz. Um das Gefühl:
„Jetzt hören die da oben uns mal zu.“
„Jetzt irritieren wir euch.“
„Jetzt entscheiden wir.“
Das erklärt auch, warum die AfD so viel Wert auf lokale Präsenz legt: Vereinsfeste, Grillabende, Feuerwehrveranstaltungen, direkte Ansprache. Dort entsteht das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden.
Und ja – die dahinterliegenden Erfahrungen von Entwertung, Kontrollverlust und mangelnder Repräsentation sind real. Aber genau hier endet jedes Verständnis für die politische Konsequenz daraus.
Denn wer heute wissentlich eine Partei wählt, die immer wieder durch rechtsextreme Netzwerke, völkisches Denken, Geschichtsrelativierung und Nähe zu demokratiefeindlichen Kräften auffällt, trägt dafür Verantwortung. Das ist kein harmloser Denkzettel mehr und kein bloßer Protest.
Man muss das nicht beschönigen.
Nicht jeder AfD-Wähler ist ein überzeugter Neonazi. Aber wer diese Partei trotz allem unterstützt, nimmt bewusst in Kauf, wem er damit Macht verschafft. Und genau deshalb darf gesellschaftliche Erklärung niemals in politische Entlastung umkippen.
Die AfD hat viele Gefühle nicht erfunden. Aber sie instrumentalisiert sie. Sie verwandelt reale Kränkungen in Ressentiments gegen Minderheiten, gegen demokratische Institutionen und gegen alles, was nicht in ihr nationalistisches Weltbild passt.
Das eigentliche Problem liegt deshalb vielleicht tiefer:
Die deutsche Einheit wurde wirtschaftlich und institutionell vollzogen – emotional und kulturell aber nie vollständig verarbeitet. Viele Ostdeutsche wurden Teil der Bundesrepublik.
Aber nicht alle hatten das Gefühl, wirklich Mitgestalter dieses Landes geworden zu sein.
Darüber zu sprechen ist wichtig.
Nicht um die AfD zu relativieren.
Sondern um zu verstehen, warum sie so stark werden konnte.



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